
Susanne Grützmann, Gewinnerin des ARD-Musikwettbewerbs, spielt Werke von Schubert, Schumann und Skrjabin.
Programm
Schubert | Sonate A-Dur D 959
Skrjabin | 4. Klaviersonate Fis-Dur op. 30
Pause
Schumann | Kreisleriana op. 16
Das heutige Programm verbindet drei sehr unterschiedliche Klangwelten – und doch kreisen alle Werke um ein zentrales romantisches Thema: das innere Erleben des Menschen, seine Zerrissenheit, seine Träume und Grenzerfahrungen.
Franz Schubert (1797–1828)
Sonate A-Dur D 959
Schuberts A-Dur-Sonate gehört zu seinen letzten Werken. Sie entstand 1828, nur wenige Monate vor seinem frühen Tod, und ist Teil des berühmten Zyklus der drei letzten Klaviersonaten.
Auf den ersten Blick wirkt diese Musik lichtvoll, fast klassisch ausgewogen. Doch unter der Oberfläche verbirgt sich eine enorme emotionale Tiefe. Besonders im zweiten Satz, einem langsamen Andantino, bricht plötzlich eine existenzielle Unruhe hervor: Schubert führt uns von scheinbarer Ruhe in einen Ausbruch von Verzweiflung – fast wie ein innerer Schrei –, bevor sich die Musik mühsam wieder sammelt.
Charakteristisch für Schubert ist hier das Zeitgefühl: Er dehnt Momente, lässt Melodien schweifen, wiederholt scheinbar einfache Gedanken, bis sie eine fast hypnotische Wirkung entfalten. Diese Sonate ist weniger ein dramatischer Kampf als ein In-sich-Hineinhören, ein musikalisches Nachdenken über Leben, Vergänglichkeit und Trost.
Alexander Skrjabin (1872–1915)
4. Klaviersonate Fis-Dur op. 30
Ganz anders die Welt Alexander Skrjabins. Seine vierte Klaviersonate markiert einen entscheidenden Wendepunkt in seinem Schaffen. Die klassische Tonalität beginnt hier bereits zu fließen, sich aufzulösen – und zugleich öffnet sich Skrjabins Musik einer mystischen, visionären Dimension.
Die Sonate besteht aus zwei ohne Pause gespielten Sätzen. Der erste ist schwebend, geheimnisvoll, beinahe körperlos. Er wirkt wie ein Traum oder eine ferne Verheißung. Der zweite Satz bricht dann mit ungeheurer Energie hervor: ekstatisch, rauschhaft, nach vorne drängend.
Skrjabin selbst beschrieb dieses Werk als eine Flugbewegung ins Licht, als Aufstieg zu einer höheren, strahlenden Sphäre. Das Klavier wird hier nicht mehr nur als Instrument, sondern als Medium einer inneren Ekstase verstanden. Virtuosität ist dabei kein Selbstzweck, sondern Ausdruck eines übersteigerten seelischen Zustands.
Robert Schumann (1810–1856)
Kreisleriana op. 16
Mit der Kreisleriana begegnen wir einem der persönlichsten Werke Robert Schumanns. Inspiriert wurde es von der literarischen Figur des exzentrischen Kapellmeisters Johannes Kreisler aus den Erzählungen E.T.A. Hoffmanns – einer Figur, die zwischen Genialität und Wahnsinn schwankt.
Dieses Spannungsfeld prägt das gesamte Werk. In acht kurzen Sätzen wechseln sich manische Ausbrüche und zutiefst lyrische, intime Momente ab. Schumann lässt hier seine beiden berühmten Charaktere musikalisch aufeinandertreffen: den leidenschaftlichen, impulsiven Florestan und den nachdenklichen, poetischen Eusebius.
Die Musik wirkt oft fragmentarisch, sprunghaft, fast nervös – als würde man Gedankenströmen lauschen. Gleichzeitig finden sich immer wieder Inseln großer Zartheit. Die Kreisleriana ist kein geschlossenes Narrativ, sondern ein seelisches Tagebuch, voller Brüche, Widersprüche und intensiver Empfindungen.
Schlussgedanke
Schubert, Skrjabin und Schumann zeigen uns drei sehr unterschiedliche Wege der Romantik – vom stillen inneren Monolog über ekstatische Visionen bis hin zur zerrissenen Künstlerseele. Gemeinsam ist ihnen der Blick nach innen: Das Klavier wird zum Spiegel des Menschen selbst.
Susanne Grützmann
Mit ihrem inspirierten Spiel, subtilen Klangsinn und virtuosen Furor gehört Susanne Grützmann zu den führenden Pianisten ihrer Generation.
Bei großen internationalen Wettbewerben wurde sie ausgezeichnet, so errang sie den selten vergebenen ersten Preis beim ARD-Wettbewerb in München und gewann Preise beim Robert-Schumann-Wettbewerb in Zwickau, beim Concurso Vianna da Motta in Lissabon und beim Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb in Leipzig.
Susanne Grützmann beherrscht ein umfangreiches Repertoire an Klavierkonzerten und spielte mit bedeutenden Orchestern, so mit dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Bayerischen Staatsorchester München, dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Deutschen Sinfonieorchester Berlin, dem Berliner Konzerthausorchester, dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, dem Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden, der Dresdner Philharmonie, dem Frankfurter Museumsorchester, der Niederländischen Philharmonie, der Slowakischen Philharmonie, dem Arcos Chamber Orchestra New York und vielen anderen.
Zu ihren Partnern am Dirigentenpult zählten Wolfgang Sawallisch, Kurt Masur, Hans Zender, Krzysztof Penderecki, Udo Zimmermann, Hanns-Martin Schneidt, Matthias Bamert, Leon Fleisher, Jörg Faerber, Michail Jurowski, Hartmut Haenchen, Peter Gülke, Horst Förster, Marc Andreae, Sylvain Cambreling, Wojciech Rajski, Jörg-Peter Weigle, Jakov Kreizberg, Christoph Poppen, John-Edward Kelly, Ari Rasilainen, Jac van Steen, Patrik Ringborg, Gabriel Feltz, Heiko Mathias Förster, Peter Aderhold, Marc Piollet, Oliver Weder, Johannes Rieger, Nicholas Milton, Markus Poschner und Tomáš Netopil.
Susanne Grützmann gab zahlreiche Soloabende in bedeutenden Musikzentren, u.a. im Herkulessaal München, der Semperoper Dresden, der Stuttgarter Liederhalle, dem Beethovenhaus Bonn und im Konzerthaus Berlin. Als Kammermusikpartnerin musiziert sie u.a. mit dem Gaede Trio, dem Ma’alot Quintett und dem Albert Schweitzer Quintett.
Sie konzertierte im Concertgebouw Amsterdam, in der Frankfurter Alten Oper, in der Kölner Philharmonie, in der Hamburger Musikhalle, im Großen Festspielhaus Baden-Baden sowie bei den Berliner Festwochen. Den Zyklus der fünf Beethoven’schen Klavierkonzerte führte sie mehrfach mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn auf. Wiederholt wurde sie zu Konzerten und Meisterkursen nach China, Taiwan, Schweden, Frankreich und Italien eingeladen.
Bei TELDEC erschienen Susanne Grützmanns Einspielungen der Préludes op. 28 von Chopin und der Symphonischen Etüden op. 13 von Schumann, bei Profil Edition Günter Hänssler die Einspielung der Abegg-Variationen, Papillons und Davidsbündlertänze, der Kreisleriana, Fantasie C-Dur, Arabeske und Blumenstück, der Sonate fis-Moll und den Fantasiestücken opp. 12 &111 von Robert Schumann, sowie die Einspielung des gesamten Solowerks von Clara Schumann auf vier CDs (Editor’s Choice der britischen Gramophone).
Seit vielen Jahren widmet sich Susanne Grützmann der Ausbildung junger Musiker und lehrt an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin.