11.10.2026

Visionen | 15:00 Uhr

Zwischen Tragödie, Fragment und Abschied

Muzio Clementi und Franz Schubert

Drei Klaviersonaten, drei sehr unterschiedliche Welten – und doch verbindet sie eine gemeinsame Frage: Was kann Musik erzählen, wenn Worte fehlen?

Muzio Clementis Sonate in g-Moll op. 50 Nr. 3 trägt den ungewöhnlichen Beinamen „Didone abbandonata“ und den Untertitel „Scena tragica“. Damit betritt die Sonate unmittelbar die Welt des Musiktheaters. Dido, die sagenhafte Königin von Karthago, wird von Aeneas verlassen und sieht sich mit Einsamkeit, Verzweiflung und ihrem unausweichlichen Schicksal konfrontiert. Clementi, der als einer der bedeutendsten Pianisten und Klavierkomponisten seiner Zeit gilt, verwandelt diese dramatische Geschichte in ein rein instrumentales Werk.

Das Klavier wird dabei zum Schauplatz eines inneren Dramas. Gesten, Pausen, Ausbrüche und kontrastierende Charaktere lassen beinahe eine Oper ohne Worte entstehen. Die Musik scheint zu sprechen, zu klagen und sich aufzubäumen. Clementi zeigt hier eine ausgesprochen expressive Seite, die weit über das hinausgeht, womit sein Name heute häufig verbunden wird: die Welt der Klavierpädagogik und der technischen Studien. Die Sonate ist ein eindrucksvolles Beispiel für die dramatische Kraft des Klaviers an der Schwelle zur Romantik.

Ganz anders, aber auf eigentümliche Weise verwandt, erscheint Franz Schuberts Klaviersonate in C-Dur D 840, die den Beinamen „Reliquie“ trägt. Schubert begann das Werk 1825, vollendete es jedoch nicht. Der Titel „Reliquie“ stammt nicht von Schubert selbst, sondern wurde dem Werk später beigegeben – und verweist auf den besonderen Status eines unvollendet hinterlassenen Werkes.

Doch gerade das Fragmentarische macht diese Sonate faszinierend. Die beiden ausgearbeiteten Sätze besitzen eine außergewöhnliche Weite und Eigenständigkeit. Schuberts Musik scheint sich Zeit zu nehmen: Gedanken werden nicht nur entwickelt, sondern immer wieder von Neuem betrachtet. Vertraute harmonische Wege führen plötzlich in unerwartete Regionen, und aus scheinbarer Ruhe kann eine eigentümliche Spannung entstehen.

Das Unvollendete wird dabei nicht unbedingt als Mangel erfahrbar. Vielmehr entsteht der Eindruck einer Musik, die über ihre eigenen Grenzen hinausweist. Was fehlt, wird Teil unserer Wahrnehmung. Die offenen Fragen bleiben bestehen.

Nur wenige Jahre später, 1828, schrieb Schubert seine Klaviersonate in A-Dur D 959, eines der drei großen letzten Klavierwerke seines Lebens. Sie entstand in seinem letzten Lebensjahr und gehört zu jenen Werken, in denen sich die scheinbar gegensätzlichen Seiten seiner Musik auf besondere Weise verbinden: Helligkeit und Dunkelheit, Lebensfreude und Melancholie, Ruhe und eruptive Gewalt.

Die Sonate beginnt in einer Atmosphäre von Klarheit und Weite. Doch hinter der scheinbaren Unbeschwertheit liegt von Anfang an eine besondere Spannung. Schubert versteht es, einen musikalischen Gedanken immer weiter auszudehnen und dabei zwischen Nähe und Fremdheit, Geborgenheit und Bedrohung zu wechseln.

Besonders eindringlich ist der zweite Satz. Eine schlichte, weit gespannte Melodie wird von einem dramatischen Ausbruch unterbrochen, der beinahe wie ein Einbruch einer anderen Wirklichkeit wirkt. Danach kehrt die Musik zu ihrem Ausgangspunkt zurück – verändert, erschüttert und doch weiterlebend. Es ist einer jener Momente, in denen Schuberts Musik ihre außergewöhnliche Fähigkeit zeigt, Zeit und Erinnerung hörbar zu machen.

Auch die letzten beiden Sätze führen diese Spannung fort. Im Scherzo scheint Leichtigkeit wiedergewonnen, während das Finale mit rastloser Bewegung und tänzerischer Energie einen Gegenpol zu den Abgründen des langsamen Satzes bildet. Doch Schuberts Musik kennt keine einfache Rückkehr zur Unbeschwertheit. Das Erlebte bleibt präsent.

So entsteht zwischen den drei Sonaten ein spannungsreicher Bogen. Clementis Dido steht für den konkreten dramatischen Abschied. Schuberts D 840 für das offene, unvollendete Ende. In D 959 schließlich begegnet uns eine Musik, die – ohne eine konkrete Geschichte zu erzählen – von Vergänglichkeit, Erinnerung und der Möglichkeit des Abschieds zu sprechen scheint.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Verbindung dieser Werke: Sie zeigen das Klavier nicht nur als Instrument der Virtuosität, sondern als einen Ort, an dem sich innere Zustände, Erinnerungen und menschliche Tragik unmittelbar in Klang verwandeln können.

Was bei Clementi noch als „Scena tragica“ bezeichnet wird, braucht bei Schubert keinen Titel mehr. Die Tragödie liegt nicht in einer erzählten Handlung. Sie liegt in der Musik selbst – in dem, was vergeht, wiederkehrt und schließlich offenbleibt.

Çya Bazzaz ist Komponist und Pianist. Er wurde in Berlin in eine kurdische Familie geboren, die in den 1990er-Jahren vor der politischen Verfolgung durch das Saddam-Regime nach Deutschland floh. Erst im Alter von 17 Jahren erhielt er seinen ersten Klavierunterrricht und bestand nur wenige Jahre später die Aufnahmeprüfungen sowohl für Komposition als auch für Künstlerisches Klavierspiel an der Universität der Künste Berlin (UdK). Derzeit absolviert er dort ein Masterstudium in Komposition bei Prof. Elena Mendoza sowie ein Masterstudium im Fach Künstlerisches Klavierspiel (Solist) bei Prof. Lucas Blondeel. Sein kompositorisches Schaffen umfasst Orchester-, Kammer- und Vokalmusik, die häufig durch theatralische, elektronische oder multimediale Elemente bereichert wird. Seine Werke wurden europaweit uraufgeführt, unter anderem von Ensembles wie dem MDR-Sinfonieorchester, dem Frankfurter Oder-Sinfonieorchester, der Magdeburgischen Philharmonie, dem Philharmonischen Orchester Halberstadt, dem Solistenensemble Kaleidoskop, AuditivVokal Dresden, Ensemble Adapter, Trio Immersio, Ensemble Ilinx und vielen weiteren. Er erhielt Kompositionsaufträge von den Ruhrfestspielen Recklinghausen, den Brandenburger Symphonikern, dem Impuls Festival für Neue Musik (Förderpreis), der Universität Potsdam und der Musikschule Neukölln. Als Solist und Kammermusiker trat er unter anderem in bedeutenden Spielstätten wie der Berliner Philharmonie und dem Heidelberger Schloss auf, sowie bei Festivals wie dem Schleswig-Holstein Musik Festival und dem Crescendo Musikfestival Berlin. Er nahm an Meisterkursen bei Jan Michiels, Ian Jones, Heinz Holliger, Annette Schlünz, Helmut Schmidinger und Hortense Cartier-Bresson teil. Derzeit ist er Stipendiat des renommierten Böckler hoch K-Stipendiums der Hans-Böckler-Stiftung, das jährlich nur 15 herausragenden Studierenden aus Musik, Bildender Kunst, Darstellender Kunst, Kreativem Schreiben und Digitaler Kunst verliehen wird. Zuvor wurde er durch ein Stipendium des DAAD gefördert. Er ergänzte seine künstlerische Ausbildung durch ein Studium der Philosophie und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit arbeitete er mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bei Prof. Pasdzierny an musikethnologischen Transkriptionen arabischer Feldaufnahmen und gestaltete eine Audio Station mit. Als Journalist schrieb er für das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) über den Konzeptkünstler Johannes Kreidler. Im November 2022 leitete, inszenierte und komponierte er sein erstes Musiktheaterstück Aufzeichnungen (nach Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch) für das Mehrlicht!Musik Festival an der UdK Berlin. Im Juni 2024 erarbeitete er gemeinsam mit der Regisseurin Linda Glanz und dem Klarinettisten Cornelius Müller eine Installation zum Thema „Kunst und Arbeit“ für die Ruhrfestspiele Recklinghausen. Im November 2024 wurde sein Vokalwerk Bo çi?, das erstmals kurdischen Text integriert, vom Vokalensemble AuditivVokal Dresden uraufgeführt. Im Januar 2026 wird sein zweisätziges Klavierkonzert ,Unfolding Bodies’ für Solistin, 2 Tänzerinnen und großes Instrumentalensemble uraufgeführt Derzeit arbeitet Bazzaz an einem Werk für die Brandenburger Symphoniker (Orchester, großer Chor und Solist:innen). 

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