11.10.2026

Visionen | 15:00 Uhr

@Oliver Bellendir

Çya Bazzaz spielt Werke von Beethoven, Skrjabin und Schubert.

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Ludwig van Beethoven | Klaviersonate Nr. 32 c-Moll, op. 111

Mit der 1822 vollendeten Sonate op. 111 beschließt Beethoven seinen Zyklus von 32 Klaviersonaten – ein Werk, das wie ein Vermächtnis wirkt. Radikal in Form und Ausdruck, umfasst es nur zwei Sätze und sprengt doch alle Dimensionen.

Der erste Satz, Maestoso – Allegro con brio ed appassionato, beginnt mit monumentalen, fast schicksalhaften Akkorden. Das c-Moll, das schon in der „Pathétique“ oder der Fünften Symphonie dramatische Zuspitzung bedeutete, erscheint hier in äußerster Verdichtung. Der Satz ist von eruptiver Energie, schroffen Kontrasten und einer fast kämpferischen Expressivität geprägt – Musik am Rand des Abgrunds.

Dem folgt als Kontrast die Arietta – Adagio molto semplice e cantabile. Nach der existenziellen Dramatik des ersten Satzes öffnet sich eine Welt der Innigkeit und Transzendenz. Aus einem schlichten, beinahe volksliedhaften Thema entwickelt Beethoven Variationen von zunehmender rhythmischer und harmonischer Kühnheit. Besonders in den schwebenden, rhythmisch synkopierten Passagen scheint die Musik ihrer Zeit weit voraus – entrückt, entrhoben, zeitlos. Die Sonate endet nicht im Triumph, sondern in einer Sphäre des Friedens und der Auflösung.


Alexander Skrjabin | Klaviersonate Nr. 5 Fis-Dur, op. 53

Allegro impetuoso con stravaganza

Mit der 1907 entstandenen fünften Sonate betritt Skrjabin endgültig seine visionäre, mystisch aufgeladene Klangwelt. Anders als Beethovens architektonische Strenge ist Skrjabins Musik von Ekstase, Farbigkeit und spirituellem Überschwang bestimmt.

Die einsätzige Sonate trägt die Vortragsbezeichnung „Allegro impetuoso con stravaganza“ – leidenschaftlich, stürmisch, mit Exzentrik. Rasende Läufe, schillernde Harmonien und flirrende Klangflächen erzeugen eine Atmosphäre fiebriger Erregung. Skrjabins charakteristische, spannungsgeladene Harmonik löst traditionelle tonale Bindungen zunehmend auf.

Diese Musik ist kein dramatischer Kampf im klassischen Sinne, sondern ein ekstatischer Aufstieg – ein musikalischer Rauschzustand, der am Ende in gleißender Helligkeit kulminiert.

Pause

Franz Schubert | Sonate A-Dur D 959

Die A-Dur-Sonate D 959 entstand 1828, im letzten Lebensjahr Schuberts. Gemeinsam mit D 958 und D 960 bildet sie den Gipfel seines Klavierschaffens. In ihr verbinden sich lyrische Innigkeit, symphonische Weite und existenzielle Tiefe.

Der erste Satz, Allegro, eröffnet mit einem weitgespannten, fast orchestral gedachten Thema. Schubert entfaltet große Bögen und überraschende harmonische Wendungen; selbst in heiteren Momenten schwingt eine leise Melancholie mit.

Das Andantino bildet das emotionale Zentrum der Sonate. Das scheinbar schlichte, klagende Thema steigert sich in einen eruptiven Mittelteil von erschütternder Intensität – ein Einbruch ins Abgründige, der wie ein Blick in seelische Tiefen wirkt. Danach kehrt das Anfangsthema verwandelt und zerbrechlich zurück.

Im Scherzo – Allegro vivace zeigt sich Schubert von seiner spielerischen, beinahe tänzerischen Seite: leicht, beweglich, mit delikatem Humor.

Das abschließende Rondo – Allegretto verbindet Heiterkeit und Nachdenklichkeit. Das immer wiederkehrende Thema wirkt gelöst und freundlich, doch auch hier bleibt Schuberts charakteristische Mischung aus Licht und Schatten präsent.

So spannt das Programm einen Bogen von Beethovens metaphysischer Verdichtung über Skrjabins ekstatische Klangvision bis zu Schuberts poetischer Weite – drei sehr unterschiedliche, aber jeweils zutiefst persönliche Wege der Klaviermusik an die Grenzen des Ausdrucks.

Çya Bazzaz ist Komponist und Pianist. Er wurde in Berlin in eine kurdische Familie geboren, die in den 1990er-Jahren vor der politischen Verfolgung durch das Saddam-Regime nach Deutschland floh. Erst im Alter von 17 Jahren erhielt er seinen ersten Klavierunterrricht und bestand nur wenige Jahre später die Aufnahmeprüfungen sowohl für Komposition als auch für Künstlerisches Klavierspiel an der Universität der Künste Berlin (UdK). Derzeit absolviert er dort ein Masterstudium in Komposition bei Prof. Elena Mendoza sowie ein Masterstudium im Fach Künstlerisches Klavierspiel (Solist) bei Prof. Lucas Blondeel. Sein kompositorisches Schaffen umfasst Orchester-, Kammer- und Vokalmusik, die häufig durch theatralische, elektronische oder multimediale Elemente bereichert wird. Seine Werke wurden europaweit uraufgeführt, unter anderem von Ensembles wie dem MDR-Sinfonieorchester, dem Frankfurter Oder-Sinfonieorchester, der Magdeburgischen Philharmonie, dem Philharmonischen Orchester Halberstadt, dem Solistenensemble Kaleidoskop, AuditivVokal Dresden, Ensemble Adapter, Trio Immersio, Ensemble Ilinx und vielen weiteren. Er erhielt Kompositionsaufträge von den Ruhrfestspielen Recklinghausen, den Brandenburger Symphonikern, dem Impuls Festival für Neue Musik (Förderpreis), der Universität Potsdam und der Musikschule Neukölln. Als Solist und Kammermusiker trat er unter anderem in bedeutenden Spielstätten wie der Berliner Philharmonie und dem Heidelberger Schloss auf, sowie bei Festivals wie dem Schleswig-Holstein Musik Festival und dem Crescendo Musikfestival Berlin. Er nahm an Meisterkursen bei Jan Michiels, Ian Jones, Heinz Holliger, Annette Schlünz, Helmut Schmidinger und Hortense Cartier-Bresson teil. Derzeit ist er Stipendiat des renommierten Böckler hoch K-Stipendiums der Hans-Böckler-Stiftung, das jährlich nur 15 herausragenden Studierenden aus Musik, Bildender Kunst, Darstellender Kunst, Kreativem Schreiben und Digitaler Kunst verliehen wird. Zuvor wurde er durch ein Stipendium des DAAD gefördert. Er ergänzte seine künstlerische Ausbildung durch ein Studium der Philosophie und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit arbeitete er mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bei Prof. Pasdzierny an musikethnologischen Transkriptionen arabischer Feldaufnahmen und gestaltete eine Audio Station mit. Als Journalist schrieb er für das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) über den Konzeptkünstler Johannes Kreidler. Im November 2022 leitete, inszenierte und komponierte er sein erstes Musiktheaterstück Aufzeichnungen (nach Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch) für das Mehrlicht!Musik Festival an der UdK Berlin. Im Juni 2024 erarbeitete er gemeinsam mit der Regisseurin Linda Glanz und dem Klarinettisten Cornelius Müller eine Installation zum Thema „Kunst und Arbeit“ für die Ruhrfestspiele Recklinghausen. Im November 2024 wurde sein Vokalwerk Bo çi?, das erstmals kurdischen Text integriert, vom Vokalensemble AuditivVokal Dresden uraufgeführt. Im Januar 2026 wird sein zweisätziges Klavierkonzert ,Unfolding Bodies’ für Solistin, 2 Tänzerinnen und großes Instrumentalensemble uraufgeführt Derzeit arbeitet Bazzaz an einem Werk für die Brandenburger Symphoniker (Orchester, großer Chor und Solist:innen). 

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